Race Across America Bericht

Mit Diabetes durch Amerika

RAAM 2018  

Bericht von Thomas Haas

Ich stehe am Start, weiß nicht was mich erwartet. Natürlich habe ich mich vorbereitet und sehr viele Szenarien im Kopf durchgespielt. Habe mir von erfahrenen RAAM-Teilnehmern wie Gerald Bauer, Wolfgang Fasching, Gerhard Gulewitz, Thomas Jaklitsch, Alexandra Meixner und Christoph Strasser Ratschläge geholt und doch denke ich mir, was mache ich da überhaupt. Habe ich da eine Chance bei diesem Rennen ins Ziel zu kommen? Noch dazu als Typ1 Diabetiker? Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt und immer mit derselben Antwort. Wenn ich es nicht probiere werde ich es nie wissen. Also los, und das machen worauf ich mich vorbereitet habe. Meile für Meile Richtung Ziel zu fahren.

Dienstag 12. Juni um 13:03 ist der Start zum größten Abendteuer meines Lebens. Nach anfänglichen Problemen wie das verlieren des Radcomputers wegen schlechter Straßen sowie ein „Umfallen“ bei einer Stopptafel finde ich gut ins Rennen. Nach gut 5 Stunden erreiche ich die 1. Time Station Borrego Springs und somit die Wüste. Der momentane Temperaturanstieg überrascht nur mein Team. Ich habe mich hier ja 11 Tage vorbereitet. Trotzdem sind die nächsten Tage eine Herausforderung für mich und mein Team. Meine Betreuer besprühen mich permanent mit Wasser und legen Eiswürfel in die Lüftungsschlitze vom Helm um mich vor einer Überhitzung zu bewahren. Bei meinem täglichen medizinischen Check stellt sich schon am 2. Tag heraus, dass ich einen wesentlich erhöhten Wert bei der Blutgerinnung habe. Susi meine Ärztin verbietet mir die Weiterfahrt. Ein Sturz unter diesen Umständen ist lebensbedrohlich. Meine Gedanken stehen still. Sollte das Rennen schon am 2. Tag vorbei sein? Das kann doch nicht sein. Der riesengroße Aufwand und jetzt nichts. Sofort werden Gegenmaßnahmen ergriffen. Nach 8 Stunden Pause bekomme ich das OK zur Weiterfahrt. Die verlorene Zeit nutzt Patrick, mein Physiotherapeut, zur perfekten Betreuung und ich für zusätzlichen Schlaf. Die Augenentzündung die ich mir in der Wüste zugezogen hatte ist nach diesem Tohuwabohu in den Hintergrund getreten und so starte ich voller Motivation Richtung „Rocky Mountains“. Mit der Gewissheit einer optimalen medizinischen Versorgung und der perfekt funktionierenden Glucoseüberwachung kann ich mich jetzt wieder voll auf das Rennen konzentrieren. Da die Müdigkeit das größte Problem ist, haben wir unsere Strategie geändert. Von einer Schlafpause mit zusätzlichen Powernap sind wir auf zwei Schlafpausen zu je 90 min umgestiegen. Mit gutem Erfolg, denn jetzt wird aus dem bisherigen Tagesablauf Routine. Die Müdigkeit und der Schlafentzug bleibt bis ins Ziel das größte Problem. Obwohl mein Team alles Erdenkliche unternimmt um mich wach zu halten, kommt es immer wieder zu kritischen Momenten. Die Gefahr zu stürzen oder auf die Gegenfahrbahn zu geraten macht mir riesige Angst und doch kann ich nichts dagegen tun. Die große Herausforderung der Rocky Mountains mit einer Höhe von über 3 300 hm schaffe ich ausgezeichnet. Bei der Abfahrt beginnt es zu regnen. Wie gerne hätte ich den Regen in der Wüste gehabt. Ich fühle mich gut und habe nie ein Motivationsproblem. So geht es hinaus in die schier endlosen Weiten in Kansas. Traumhafte Landschaften wechseln sich mit Augenblicken ab, die man am liebsten gleich wieder vergessen möchte. Hier hilft mir meine Aktion „Kilometer für Kinder mit Diabetes zu verkaufen“ sehr. Mein Team informiert mich ständig wer gerade die zu fahrenden Kilometer gekauft hat. Obwohl wir vor dem Start ausgemacht hatten, ich will nichts über eine Platzierung wissen, informiert mich mein Teamchef, dass ich sehr gut im Rennen liege und derzeit auf den 9 Rang bin. Das Zeitgefühl verloren, weiß ich nicht einmal genau den wievielten Tag ich schon unterwegs bin. Es interessiert mich zu dem Zeitpunkt auch nicht, da ich einfach nur mein Rennen ohne Druck von außen fahren will. Jetzt in Kansas geht es mir nicht besonders gut. Ich will gar nicht daran denken wie weit Annapolis noch entfernt ist. Doch auch hier habe ich meine Hausaufgaben gemacht. Es ist reine Kopfsache. Mit den von mir im Vorhinein zurechtgelegten Strategien stehe ich auch diese Zeit durch. Mit dem Kopf immer nur von Time Station zu Time Station vergehen die Tage. Nach Kansas geht es durch Missouri, Illinois, Indiana nach Ohio. Mittlerweile regnet es jeden Tag. Mein Team bemüht sich immer wieder mir trockene Kleidung bereitzuhalten. In Ohio öffnet der Himmel seine Schleusen. Starkregen macht mir zu schaffen. Mit Brille sehe ich nichts, ohne ist es noch schlimmer. Schließlich zwingt mich der Regen zu einer Pause. Die Straße ist vermurt. Wir müssen eine Umleitung fahren. Zusätzliche 7 Meilen. In den Appalachen kommt die letzte große Herausforderung. Extrem viele Höhenmeter sind zu bewältigen. Da ich bis jetzt noch keine Schmerzen habe und muskulär gut drauf bin, gelingt es mir mein Tempo zu halten. Ich kann es nicht glauben, als mir über Funk gesagt wird, dass ich in meiner Altersklasse am  1. Platz liege. Mein Team spricht schon von Erfolg, doch ich sage immer wieder, geschafft haben wir es erst wenn wir im Ziel sind. Wie Recht ich habe stellt sich in der letzten Nacht heraus. Wieder einmal bei Regen, geblendet durch Gegenverkehr und durch Übermüdung übersehe ich das Gleis einer Straßenbahn. Der Schock für alle ist groß. Plötzlich liege ich mitten auf der Straße. Zum Glück ist mir nicht viel passiert. Nur Abschürfungen am Bein und Arm. Aber mein Rad ist leider kaputt. Doch das alles kann mich nicht aufhalten. Mit dem 2. Rad schaffe ich schließlich noch die letzten Stunden ins Ziel. Bei Tagesanbruch fahre ich durch den Zielbogen. Ich kann es kaum glauben. Die Emotionen überwältigen mich. Zeit und Platzierung sind in diesem Moment zweitrangig. Ich habe das schier unmögliche geschafft. Ich bin als 1. Typ1 Diabetiker in der vorgeschriebenen Zeit, mit Ausnahme ein paar Schürfwunden, gesund ins Ziel gekommen. Respekt vor diesem Rennen, Ehrfurcht und Dankbarkeit sind meine Gedanken bei der Zieleinfahrt. Mein Team hat mich wohl behalten durch die USA gebracht. Keine Kleinigkeit, haben auch sie mit großem Schlafmangel gekämpft. Sie haben jedoch nie den Humor verloren und jeder Einzelne hat 12 Tage für mich alles gegeben. Immer wieder denke ich daran, welch großes Glück ich habe. Mir wird bewusst, wie nahe Erflog und Niederlage beisammen sind. Gerade in diesem Moment geht die Sonne auf und unterstreicht diesen unfassbaren Moment.

Habe ich geglaubt ich kann mich jetzt ausschlafen, aber dem ist nicht so. Der Schlafrhythmus der letzten Tage lässt mich nicht aus und so helfe ich meinem Team bei den Ausräumungsarbeiten und Reinigung der Fahrzeuge. Trotz extremer Müdigkeit genießen wir das Bankett bei dem die Ehrenpreise überreicht werden. Haben mir mein Team und viele andere mir schon den ganzen Tag zum Klassensieg gratuliert, wird mir erst jetzt bewusst, dass ich die begehrte Holztafel für einen RAAM Sieg als sichtbares Zeichen überreicht bekomme.

Jetzt ist es Zeit Danke zu sagen. In erster Linie meiner Frau und meinen Kindern,  die immer hinter mir gestanden sind. Den Sponsoren, denn ohne ihrer großartigen Unterstützung ist so ein Projekt nicht zu stemmen. All jene Unterstützer, die fleißig Kilometer gekauft haben. Dank Ihnen kann ich eine großartige Spende an Kinder mit Diabetes weitergeben. Allen Freunden die schon lange vor und während dem Rennen mich vorangetrieben haben. Nicht zuletzt den Zweiflern, die mir dieses Vorhaben nicht zugetraut haben. Waren es gerade Sie, die mich durch ihren Zweifel zum harten und langen Training motiviert haben.

Ich wünsche mir, dass ich meine Erfahrungen in Dieser Zeit an viele Leute und ganz besonders an Diabetiker weitergeben kann. Ich möchte Alle motivieren mit Bewegung und Sport den Alltag zu meistern.

„Ich habe keine Angst vor meinem Diabetes, Ihr braucht sie auch nicht haben.“

 

Hier gibt's noch mehr von meinem Weg nach Amerika zu lesen.

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